FT-Spieleranalyse: Christoph Kramer gegen Bayer Leverkusen

By | Sep 5, 2016

Auch wenn Christoph Kramer aus der Jugend von Bayer Leverkusen stammt, hat er in Mönchengladbach seine fußballerische Heimat gefunden. Dort ging der Stern des Weltmeisters von 2014 auf, als er zwischen 2013 und 2015 bei den Fohlen spielte. Nach einem einjährigen Intermezzo in der Werkself hat Kramer seinen Weg zurück zur Borussia gefunden. In seinem ersten Bundesligaspiel nach seiner Rückkehr scheint es so, als wäre er nie weggewesen.

Kramer glänzt auf der Doppelsechs

Gegen die Leverkusener stellt Trainer André Schubert den 25-Jährigen an die Seite von Tobias Strobl in die Doppelsechs. Das Duo agiert vor einer Dreierkette aus Nico Elvedi, Andreas Christensen und Tony Jantschke. Oscar Wendt und Ibrahima Traoré sichern die Flügel ab und sollen das Angriffsspiel unterstützen. Schon in der Champions League-Qualifikation gegen die Young Boys Bern setzte Schubert auf diese Konstellation.

Während Kramer in den Spielen gegen die Schweizer als erster Passgeber fungierte, der das Spiel der Fohlen von hinten heraus ankurbeln sollte – von Schubert neudeutsch als „Quarterback“ umschrieben – ist die Rolle des 25-Jährigen gegen Bayer nicht so einfach zu bestimmen. Da die Fohlenelf im Spiel gegen Leverkusen auf Ballbesitzfußball größtenteils verzichtet und versucht, mit schnellen Gegenstößen über die Außenbahnen das Pressing des Gegners auszuhebeln, ist Kramer als Quarterback nicht so gefragt wie gegen die spielschwächeren Berner.

Kramers Aktionsradius gegen die Werkself ist groß, seine Spielweise variabel. Mal holt er sich den Ball von den Innenverteidigern und spielt ihn weiter, mal lässt er sich zwischen diese fallen. Öfter ist er hinter Oscar Wendt an der linken Außenlinie zu finden, wenn sich der etatmäßige Linksverteidiger nach vorne bewegt. Falls der Ball im Spielaufbau auf die Außen gespielt wird, rückt Kramer gerne eine Station weiter nach vorne und ordnet sich neben Lars Stindl ein. Diese flexible Ausrichtung Kramers sorgt dafür, dass er deutlich häufiger an den Ball kommt als sein Nebenmann Strobl. Seine 69 Ballkontakte werden von keinem Gladbacher überboten. Auch die 50 gespielten Pässe gehören mit zur Spitze des Teams. Lediglich Christensen und Elvedi (und wohl auch Jantschke, wenn er nicht nach 45 Minuten ausgewechselt worden wäre) spielten häufiger den Ball – ein Zeichen für den Spielaufbau über die Außenbahnen, an dem Kramer nicht zwangsläufig beteiligt ist.

Defensiv eine Bank

Obwohl seine Stärken als Ballverteiler gegen Leverkusen nicht so gefragt sind, ist Kramer dennoch extrem wertvoll für das Spiel der Gladbacher. Auch wenn er sich öfter in die Offensive einschaltet, ist es seine Defensivleistung, die Schubert ins Schwärmen bringen sollte. Kramer scheut nicht davor zurück, weite und schmerzhafte Wege zu gehen, um Lücken im Defensivverbund zu schließen oder Gegner anzulaufen. Bereits in der fünften Minute entschärft er so einen Leverkusener Angriff, bevor dieser gefährlich werden kann: Kramer registriert, dass Wendt zu weit aufgerückt ist, um Karim Bellarabi von seinem Laufweg in die Tiefe abzuhalten. Mit einem beherzten Sprint schließt er den Passweg, sodass der Ball Bellarabi nicht mehr erreichen kann – der Leverkusener Angriff ist unterbunden. Immer wieder fällt Kramer durch solche Aktionen auf (18., 43., 62.).

Auch im Pressing der Fohlenelf funktioniert Kramer als eines von elf Zahnrädern, die perfekt ineinandergreifen. Dies ist durchaus bemerkenswert, schließlich spielte Gladbach zu seiner Zeit unter Lucien Favre ein völlig anderes System. Auch wenn Kramer nicht der schnellste ist, schafft er es durch schlaues Antizipieren öfter, den Leverkusenern in der Vorwärtsbewegung den Ball abzunehmen (12., 47.). Kramers Talent darin, das Angriffsspiel des Gegners zu stören, offenbart sich auch in der 50. Minute. Der 25-Jährige ist weit aufgerückt und die Gladbacher verlieren den Ball. Den Gegenzug kann die nun unorganisierte Abwehr der Fohlen – Kramer ist zu weit vorne, um eingreifen zu können – nicht verhindern. Leverkusen kombiniert sich zu seinem Pfostenschuss durch Kampl.

Schnelligkeits-Defizite

Probleme im Defensivspiel hat Kramer einzig, wenn er gegen schnelle Gegenspieler verteidigen muss. In der 33. Minute kann er gegen ein tolles Dribbling Bellarabis nichts ausrichten, dessen Schuss jedoch nicht gefährlich wird. Nach 79 Minuten kann er den eingewechselten Julian Brandt im Strafraum nicht stellen, der Kramer einfach umkurvt, dann jedoch unpräzise flankt. Auch beim Gegentor war der 25-Jährige nicht unbeteiligt. Sowohl er als auch Fabian Johnson versäumten es, Kampl unter Druck zu setzen, der so auf Wendell hinausspielen konnte, was das Tor einleitete (79.). Möglicherweise war Kramer zu diesem Zeitpunkt schon erschöpft: Mit 11,77 Kilometern lief er mehr, als jeder andere Gladbacher.

Nicht nur bei der Laufleistung führt Kramer sein Team an. Dem 25-Jährigen ist anzumerken, dass er auf dem Platz Verantwortung übernimmt. Kramer gibt regelmäßig Anweisungen, diktiert so das Tempo des Spiels. Mal beruhigt er den Spielfluss (29.) aktiv, mal kurbelt er an. Kramer ist es, der mit einem schnellen Pass in der eigenen Hälfte Traoré freispielt, was in letzter Konsequenz zu einer gefährlichen Doppelchance durch Raffael und Wendt führt (21.). Das 1:0-Führungstor bereitet Kramer mit einem langen Ball vor, als er schnell registriert, dass kein Leverkusener ihn an der schnellen Ausführung des Freistoßes stört. Es ist auffällig, dass Kramer ein Talent dafür hat, die Spielsituation schnell zu erfassen. Nur selten macht er Fehler, ihn aus der Ruhe zu bringen, ist schwierig. Auch das macht ihn für Borussia Mönchengladbach so wertvoll.

Stärken

Kramer ist vielseitig einsetzbar und das macht ihn für Schubert und die Fohlenelf so wertvoll. Mit starker Laufleistung schließt er Lücken im Defensivverbund und unterbindet die Angriffe des Gegners, bevor diese gefährlich werden können. Gleichzeitig schaltet er sich immer wieder in die Offensive ein und dirigiert das Spiel.

Schwächen

In Eins-gegen-Eins-Situationen offenbart der 1,91 Meter-Schlacks Schwächen. Trotz seiner Aktivitäten im Angriffsspiel der Gladbacher kann man von Kramer nicht den entscheidenden, tödlichen Pass erwarten. Zudem versprüht er kaum Torgefahr. Im System Schuberts muss er dies aber auch nicht.

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Source: fussballtransfers.com

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